Betrug, Korruption und Wettbewerbsverzerrungen – für Unternehmen entstehen durch diese Skandale jährlich Schäden in Milliardenhöhe. Aber wer klärt solche Fälle eigentlich auf? EDITION F hat mit unserer Kollegin Elisa Gerken gesprochen. Sie arbeitet im Bereich Forensic und kommt mit ihren Teamkollegen den Wirtschaftskriminellen auf die Spur.

Das passiert, bevor Wirtschaftsskandale in die Zeitungen kommen

Fast täglich lesen wir in unserem News-Feed von Korruptionsskandalen und Betrugsfällen in Unternehmen – wer deckt diese Fälle überhaupt auf? Unsere Forensic-Teams werden hier als Krisenmanager und Ermittler aktiv. Sie klären Sachverhalte auf, helfen dabei, die Schwachstellen im betroffenen Unternehmen aufzuzeigen und präventive Maßnahmen zu entwickeln.

Unser Female Talent Elisa Gerken erzählt von der Aufdeckung und Aufklärung von wirtschaftskriminellen Fällen und was sie tagtäglich in ihrem Job vorantreibt und fasziniert. So viel können wir schon mal verraten: Langweilig wird es in diesem Job nie.

Von Korruptions-und Betrugsfällen in unterschiedlichen Institutionen und Unternehmen hört man immer wieder. Wie genau geht ihr Forensiker dagegen vor?

„Im Grunde kann man es sich so vorstellen: Wir sind quasi die Feuerwehr und die Brandermittlung, die ein Mandant ruft, wenn es einen Verdacht gibt. Wir versuchen mit unseren Experten den Brand zu löschen und zu retten, was gerettet werden kann. Das bedeutet, wir versuchen weiteren Schaden abzuwenden, indem wir beispielsweise alle noch verfügbaren Daten von unserem Forensic Technology-Team sichern lassen. Im Anschluss sind wir als Ermittler tätig: Wir analysieren Daten und Unterlagen und führen Gespräche mit beteiligten Personen. Dann identifizieren wir weitere mögliche Schwachstellen und helfen dem Mandanten dabei, wirksame Präventionsmaßnahmen zu entwickeln.“

Wie kamst du überhaupt dazu, dich auf das Fachgebiet Forensic zu spezialisieren?

„Ich habe meinen Bachelor in ‚European Finance and Accounting‘ gemacht und während des Studiums in Großbritannien Fächer im Bereich Forensic Accounting belegt. Da ich mich privat schon immer für den Bereich Kriminologie interessiert habe, war es für mich im Nachhinein die perfekte Kombination aus meinen persönlichen und fachlichen Interessen. Nach meinem Studium habe ich dann im Bereich Forensic von KPMG als Werkstudentin gearbeitet und bin nach meinem Master direkt eingestiegen. Das klingt jetzt so, als hätte ich von Beginn an ganz gezielt auf einen Einstieg im Bereich Forensic hingearbeitet – eine bestimmte Ausbildung oder einen speziellen Hintergrund braucht man meiner Meinung nach aber nicht. Für unsere Arbeit ist es wichtig, dass man analytisch denken kann, eine strukturierte Arbeitsweise hat und offen für neue Herausforderungen ist – wir müssen fast täglich kreative Lösungen finden. Diese Fähigkeiten in Kombination mit umfassenden Fachkenntnissen sind aus meiner Sicht ganz essentiell. “

Was macht die Arbeit für dich so spannend?

„Ganz klar die vielen neuen Herausforderungen, die immer wieder auf mich warten, denn die Hintergründe der Projekte sind die Themen und Skandale von Unternehmen, die täglich in der Zeitung stehen. Dort mitzuarbeiten und Dinge zu erfahren, mit denen ich sonst wahrscheinlich nie in Berührung gekommen wäre, das macht die Arbeit für mich so spannend und erweitert meinen Horizont jeden Tag. Dass unsere Projekte einer strengen Geheimhaltung unterliegen, macht die Arbeit auch besonders. Das bedeutet, dass wir selbst im Team nur mittels Decknamen kommunizieren, um den Mandanten zu schützen.“

Wie kann man sich einen klassischen Arbeitstag von dir vorstellen?

„Den klassischen Arbeitsalltag gibt es bei mir eigentlich nicht – zum Glück! Manchmal arbeite ich im Büro, manchmal auch beim Mandanten vor Ort. Da wir teilweise internationale Projekte haben, kann man auch mal im Ausland zusammen mit Forensic-Experten aus dem globalen KPMG-Netzwerk vor Ort tätig sein. Im Großen und Ganzen ist der Arbeitsalltag sehr von der jeweiligen Projektphase geprägt: Zu Beginn stellen wir im Team Arbeitshypothesen auf, welches Betrugsschema dem Sachverhalt zugrunde liegen könnte und überlegen uns einen Projektplan. Ganz anders sieht es natürlich aus, wenn wir mit der Analyse von Daten beschäftigt sind und mit verschiedenen IT-Tools arbeiten oder wenn wir beispielsweise forensische Interviews durchführen oder uns schon in der Berichterstellung befinden.“

Worum geht es in deinem aktuellen Projekt?

„Über unsere Projekte kann ich nichts sagen, da sie der Vertraulichkeit unterliegen. Spannend finde ich aber Projekte im Finanzsektor, bei denen mithilfe der Transaktionsdaten geprüft wird, ob es beispielsweise Verstöße gegen Sanktionslisten gegeben hat, oder wir Hinweise auf Geldwäsche finden. Diese Thematik ist vor dem Hintergrund der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Lage sehr relevant und mit einem hohen Reputationsrisiko verbunden. Daher ist es für Unternehmen wichtig, frühzeitig mögliche Verstöße aufzudecken.“

Warum wird der Bereich Forensic immer wichtiger?

„Die gesellschaftlichen Erwartungen an die Unternehmen sind in den letzten Jahren gestiegen und dadurch das Risiko, bei Fehlverhalten drastische Imageschäden zu erleiden. Deshalb haben Unternehmen angefangen, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen – insbesondere dann, wenn Vorfälle bei der Konkurrenz bekannt werden. Dass wir hier erst am Anfang stehen, zeigt eine aktuelle Studie von KPMG zur Wirtschaftskriminalität in Deutschland. Demnach unterschätzen die meisten Unternehmen ihr eigenes Risiko, von Wirtschaftskriminalität betroffen zu sein. Ein weiterer Grund ist die Globalisierung, durch die nicht nur Unternehmensstrukturen komplexer geworden sind, sondern sich die Aktivitäten auch auf Länder erstrecken, die gegebenenfalls andere Geschäftskulturen haben. Außerdem sind Strafzahlungen in den letzten Jahren üblicher und in den Summen höher geworden.“

An wen sollte ich mich wenden, wenn mir auffällt, dass in meinem Arbeitsumfeld Geld unterschlagen wird oder Daten missbraucht werden? Und wie werde ich überhaupt darauf aufmerksam?

„Wichtig ist, im Berufsalltag aufmerksam zu sein, eine kritische Haltung einzunehmen und auf sein Bauchgefühl zu hören. Das bedeutet auch, dass man bei Kollegen oder Vorgesetzen nachfragt, wenn einem etwas komisch vorkommt und sich nicht mit einem ‚das machen wir schon immer so‘ zufrieden gibt. In größeren Unternehmen gibt es oft einen Ansprechpartner beziehungsweise eine Whistleblower-Hotline, die Hinweise (auch in anonymer Form) entgegen nimmt. Diese prüfen den Fall, schätzen die Brisanz ein und leiten hierzu gegebenenfalls Untersuchungen ein. Mit solchen vermeintlich kleinen Hinweisen beginnt oft die Zusammenarbeit mit unseren Mandanten. Im Notfall kann hier auch über Nacht ein Team zusammengestellt werden, das beispielsweise sofort Daten sichert. Also als Faustregel: Wenn euch etwas komisch vorkommt, nehmt das unbedingt ernst und lasst euch nicht abspeisen. Wenn es um den Missbrauch von Daten geht, sollte man sich an den Datenschutzbeauftragten im Unternehmen wenden. Das Gespräch mit dem Vorgesetzten oder einer vertrauensvollen Kollegin zu suchen, um sich eine zweite Meinung einzuholen, kann auch ein erster Schritt sein.“

Es gibt so viele Berufe, die man gar nicht auf dem Schirm hat. Welchen Ratschlag würdest du Berufseinsteigern geben, um den Job zu finden, der zu ihnen passt?

„Mein ganz persönlicher Ratschlag ist, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen und selbst aktiv zu werden. Worauf habe ich Lust? Welche Faktoren sind mir bei meinem künftigen Arbeitgeber wichtig? Unterhaltet euch mit euren Mitmenschen und stellt Fragen – daraus können auch eigene Ideen für den persönlichen Karriereweg entstehen. Praktika helfen dabei, einen Einblick in ein Unternehmen zu bekommen. Auch auf Berufsmessen können wertvolle Kontakte geknüpft werden. Bei mir war es beispielsweise so, dass ich auf einer großen Messe eine Managerin aus dem Bereich Forensic getroffen habe. Für mich war das natürlich ein absoluter Glücksgriff – wir sind ins Gespräch gekommen und haben uns auf Anhieb gut verstanden.“

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Das Interview führte Johanna Felde für Edition F.

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